Es steht mal wieder eine Abschlussveranstaltung an

Der Workshop ist fast vorbei, am Schluss sollen die Ergebnisse der Teilnehmenden vorgestellt werden. Diesmal sind es aufgrund der Corona-Bestimmungen nur fünf Kinder und Jugendliche. Es dürfen keine Eltern, Geschwister und Freunde kommen und die Presse wurde auch nicht eingeladen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob sich eine Abschlussveranstaltung überhaupt lohnt. Diese Frage kann ich auf jeden Fall mit ja beantworten, denn in den letzten Jahren durfte ich immer wieder beobachten, wie transformierend gerade die Abschlussveranstaltung in meinen Workshops wirkte. Unabhängig davon, ob Zuschauer und Presse kommen dürfen. Als ich begann, darüber nachzudenken, warum eine Abschlussveranstaltung so wichtig ist und was die Erfolgsfaktoren dafür sind, war ich selbst überrascht, wie viel mir dazu einfiel. Deshalb möchte ich diese Gedanken in zwei Blogbeiträgen zusammenfassen. Ich beginne mit 11 Gründen, warum eine Abschlussveranstaltung so enorm wichtig ist. Nächste Woche folgt dann der Beitrag über die Erfolgsfaktoren für eine gelungene Abschlussveranstaltung.

1. Eine Klammer schließen

Die Einführung zu Beginn und die Abschlussveranstaltung bilden einen Rahmen. Dazwischen findet die Workshoparbeit statt. In der Abschlussveranstaltung wird berichtet, was im Workshop geschah und welche Ergebnisse dabei herauskamen. Sie lässt also Revue passieren und bildet einen Abschluss. Die gemeinsame Zeit läuft nicht einfach aus, sondern findet einen klaren Schlusspunkt.

2. Ein Ziel haben

Vielen Menschen fällt es viel leichter, eine Sache zu erreichen, wenn sie ein konkretes Ziel haben. Wenn zu Beginn des Workshops in Aussicht gestellt wird, dass am Ende das fertige Resultat vorgestellt wird, motiviert das ungemein. Die Teilnehmer möchten dann auf jeden Fall auch etwas Vorzeigbares zu produzieren.

3. Grund zum Feiern

Die Kinder und Jugendlichen leisten und lernen eine Menge in einem Workshop. In der Regel sind sie hochmotiviert, sehr konzentriert und fleißig. Sie geben viel von sich preis, wenn sie eigene Geschichten erzählen, und das erfordert manchmal Überwindung. Das alles tun sie freiwillig und in ihrer Freizeit. Oft machen sie große Schritte in ihrer Persönlichkeitsentwicklung in ganz kurzer Zeit. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

4. Eine Veranstaltung organisieren

Die Teilnehmenden dürfen ihre Vorstellungen für die Abschlussveranstaltung äußern und sollen sich bei der Organisation einbringen. So lernen sie automatisch, wie man eine solche Veranstaltung plant. Jeder kann sich Gedanken machen, wo seine Stärken sind und wie er der Gruppe und der Workshopleiterin helfen kann. Durch die gemeinsame Organisation kommt zum Schluss des Workshops noch einmal ein starkes Wir-Gefühl auf.

5. Gehört und gesehen werden – hören und sehen

Jeder Mensch möchte gehört und gesehen werden. Das gilt sicher in besonderem Maße für Kinder und Jugendliche, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Die Abschlussveranstaltung bietet diese Gelegenheit und den passenden Rahmen. Das gilt übrigens nicht nur für die Zuschauer, die von außen zur Abschlussveranstaltung kommen. Oft bekommen die Kinder und Jugendlichen während des Workshops nur bruchstückhaft mit, was bei den anderen passiert. Endlich kann man auch der Gruppe das eigene Werk vorstellen und endlich ergibt sich die Gelegenheit, sich zurückzulehnen und in Ruhe zu genießen, was die anderen Workshopteilnehmenden zu erzählen haben.

6. Gruppenfeeling

Es klang bereits an: Spätestens jetzt halten die Teilnehmenden zusammen wie Pech und Schwefel. Bei den Eltern sitzen? Och ne, lieber als Gruppe zusammenhocken und bei den Auftritten der anderen gemeinsam mitfiebern.

7. Bühnenerfahrung sammeln

Aus meiner Sicht ist das der wichtigste Grund für eine Abschlussveranstaltung. Die meisten Kinder und Jugendlichen haben viel zu selten die Gelegenheit, auf einer Bühne zu stehen. Dabei ist das eine ganz wichtige Erfahrung und jeder weiß: Je öfter man das macht, desto sicherer wird man. Meist können wir uns noch viele Jahre später an solche Auftritte erinnern, es sind also echte Lebensereignisse. Ganz wichtig: Bei der Abschlussveranstaltung eines Workshops treten Kinder und Jugendliche in einem geschützten Raum auf. Die Zuschauer/Zuhörer sind ihnen wohlgesonnen und es findet keine Bewertung oder Benotung statt. So kann dieses Lebensereignis ein durch und durch positives Erlebnis werden.

8. Über sich hinaus wachsen

Wer kennt nicht dieses Gefühl, bevor man eine Bühne betritt: Lampenfieber. Eigentlich will man, aber irgendwie auch nicht. Es kostet Überwindung, sich mit einem eigenen Werk nach vorne zu stellen und es der “Öffentlichkeit” vorzustellen. Wenn man es aber wirklich macht, ist es oft ein großer Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung. Wer die Hürde “Lampenfieber” einmal genommen hat, weiß, dass sie/er das schaffen kann und das gibt ein ganz besonderes Selbstbewusstsein.

9. Eltern und anderen Erziehungspersonen die Leistung bewusst machen

Es klingt banal, aber es ist tatsächlich wichtig, den Zuschauern zu erzählen, was die Kinder und Jugendlichen im Workshop geleistet haben. Und zwar möglichst konkret. Eltern, die ihre Kinder zu einem Ferienworkshop schicken, können sich oft nicht vorstellen, dass die Kids dort tatsächlich arbeiten. Sie denken eher an Spiel und Spaß. Auch Smartphones oder iPads werden meist nur als Spielgeräte angesehen. Natürlich macht der Workshop Spaß und vieles findet spielerisch statt. Wir sollten aber nicht vergessen: Es ist eine große Leistung, wenn die Teilnehmenden konzentriert ein Projekt vorantreiben, komplexe Denkleistungen vollbringen und sich in kurzer Zeit enorme (Medien)Kompetenzen aneignen. Die Abschlussveranstaltung ist die Gelegenheit, genau das den Erziehungsberechtigten zu vermitteln. Gleichzeitig fühlen sich die Kinder und Jugendlichen wertgeschätzt, wenn man das ihren Eltern erzählt. Vielleicht wird ihnen durch diese Betonung auch selbst erst bewusst, was sie da (spielerisch) geleistet haben.

10. Zeit, Danke zu sagen

Die Abschlussveranstaltung ist die Gelegenheit, sich bei Veranstaltern, Förderinstitutionen und Betreuungspersonen zu bedanken. Dabei darf man ruhig in Richtung Eltern und Teilnehmende anklingen lassen: Solche aufwändigen und geförderten Workshops sind nicht selbstverständlich. Jeder, der in den Genuss kommt, darf dafür dankbar sein.

11. Gelegenheit, die Presse einzuladen

Die Abschlussveranstaltung bietet für die Veranstalter immer eine perfekte Gelegenheit für Öffentlichkeitsarbeit. Meist kommen die Pressevertreter gerne, berichten ausführlich und mit hoher Wahrscheinlichkeit äußerst positiv. Was gibt es auch Schöneres zu berichten, als Kinder- und Jugendliche, die auf einer Bühne ihre Werke vorstellen und von einer gelungenen Projektwoche erzählen?

Sicher gibt es noch weitere Gründe, warum die Abschlussveranstaltung im Workshop mit Kindern und Jugendlichen so wichtig ist. Ich freue mich über jede Ergänzung in den Kommentaren.

 

Nächste Woche folgt der zweite Teil: “Abschlussveranstaltungen (Teil 2): So gelingen sie im Workshop mit Kindern und Jugendlichen garantiert!”

 

Andrea Rings ist Autorin für Kinder- und Jugendbücher. Seit 2016 führt sie kreative Schreibwerkstätten und digitale Comicworkshops mit Kindern und Jugendlichen durch.